Cellulosenitrat als Material für fotografische Negative kommt im Sprengel Foto Blog nicht das erste Mal zur Sprache. So beschrieb Tessa Maillette de Buy Wenniger in ihrem Beitrag Schätze im Verborgenen – Negativmaterialien und ihre Identifikation wie derartiges Material bestimmt werden kann. Doch wie geht es weiter, wenn bekannt ist, dass tatsächlich Cellulosenitrat in der eigenen Sammlung vorhanden ist?
Ist Cellulosenitrat unter den in der Sammlung befindlichen Negativmaterialien, kommen besondere gesetzliche Bestimmungen zum Tragen, denn Cellulosenitrat fällt unter das „Gesetz über explosionsgefährliche Stoffe (Sprengstoffgesetz – SprengG)“. Dies resultiert aus der leichten Entzündlichkeit des Filmmaterials, was vor allem im Kontext mit frühem Kinofilm bekannt wurde. Doch nicht jeder Cellulosenitratfilm degradiert gleich schnell, denn es gibt durchaus auch vergleichsweise stabile Nitratfilme. In einigen größeren Institutionen führten nicht zuletzt die gesetzlichen Bestimmungen und die Verunsicherungen betreffend dieser komplexen Materialität dazu, dass derartige Negative heute lediglich digitalisiert und dann kassiert, sprich entsorgt, werden. Rein juristisch gesehen sind diese Institutionen somit auf der „sicheren Seite“, was durchaus verständlich ist, denn auch so manche Versicherung schließt inzwischen Nitratfilm und dessen Lagerung mit ihren Versicherungsbedingungen aus.
Aus konservatorischer Sicht ein großer Verlust von Originalmaterial, gerade wenn man die Unterschiedlichkeit der verschiedenen Filme mitbedenkt. Leider ist die Forschung hier in der Breite noch nicht so weit, dass zum Beispiel in einer Datenbank erfasst wäre, bei welchem Produkt es sich um einen schnell degradierenden, instabilen Nitratfilm handelt und wann nicht. Der Erhaltungszustand bzw. der Zersetzungsgrad spielt hier eine große Rolle. Dieser kann durch entsprechende naturwissenschaftliche Untersuchungsmethoden, wie beispielsweise Surve-NIR bestimmt werden (vgl. „Kann Spuren von Nitrat enthalten – Eine Bestandsanalyse von Filmen im Bildarchiv der ETH-Bibliothek Zürich mit dem SurveNIR-System“ Dirk Andreas Lichtblau, Nicole Graf. In: Rundbrief Fotografie Vol.29 (2022) S.21ff). Den wenigsten Institutionen stehen jedoch derartige Mittel zur Verfügung, mancherorts fehlt es zudem an entsprechend ausgebildetem Fachpersonal.
Das „Netzwerk Cellulosenitrat“ ist hier ein Silberstreif am Horizont. Es gründete sich 2020 und vereint verschiedenste Fachrichtungen und Expertisen rund um das Material, sowohl aus dem Film- als auch aus dem Fotobereich. 2022 ging es mit seiner Webseite Netzwerk Cellulosenitrat online und bündelt vorhandenes Wissen rund um die gegebenen gesetzlichen Bestimmungen, die Identifikation des Materials und den Umgang mit diesem. Es möchte eine Plattform für den Austausch sein und die „Diskussion der Rechtsauffassungen und Interpretationsmöglichkeiten bezüglich des Umgangs mit sowie der Lagerung von Materialien aus Cellulosenitrat“ vorantreiben. Weitere Zielsetzungen sind das Formulieren von Handlungshilfen und die Mitwirkung an der Entwicklung von Handreichungen und Normen. Wir freuen uns darauf, den Fortgang dieser tollen Initiative weiter zu verfolgen.
Kristina Blaschke-Walther
…ist Fotorestauratorin und Leitung Restaurierung am Sprengel Museum Hannover.
BU: Käte Steinitz „Sprungturm im Schwimmbad, New York“, 1936/1941, Cellulosenitratnegativ, 6×6 cm, Sprengel Museum Hannover; Foto: Herling/Herling/Werner